Guten Tag David Trottin. Ich möchte mich zunächst bei Ihnen bedanken, dass Sie uns in Ihrem Büro empfangen haben und das Interview beginnen, indem wir über Ihren Status als “Architekturproduzent” sprechen, da Périphériques dafür bekannt ist, die Architektur auf unkonventionelle Weise zu fördern. Können Sie uns etwas über Ihren Ansatz an die Architektur erzählen?
Für uns handelt es sich um einen globalen Ansatz, da wir der Meinung sind, dass es heute wichtig ist, Projekte zu machen, über die Stadt nachzudenken, über den Konstruktionsmaßstab, über den Gebrauch der Gebäude und dass es gleichzeitig ebenso wichtig ist, darüber zu reden und die Sachen nicht einfach nur als Selbstzweck zu machen und im Büro versteckt zu halten. Wir versuchen, die private Arbeit in öffentliche Arbeit zu verwandeln und Meinungen mit vielen Personen auszutauschen, um zu zeigen wie interessant Architektur ist. In Frankreich und vielleicht auch in Italien, nehmen die Architekten eine merkwürdige Position ein: Sie produzieren Gebäude in der Stadt, für den öffentliche und die private Nutzung und die Leute sind ihnen gegenüber immer ein wenig kritisch. Es gibt da so eine Idee, dass die Architekten schlechte Umwandlungen machen und die Städte nicht verbessern, sondern verschlechtern. Für uns ist es also wichtig zu beweisen, dass einige Architekten nicht so handeln. Wir unterstützen die Idee, dass einige Planer neue Formen von Städten und neue Formen der Architektur entwickeln mit dem Ziel, die Lebensqualität zu verbessern und die Leute glücklich zu machen. Wir machen das und entwerfen Gebäude, veröffentlichen Bücher und benutzen die Kommunikation um zu zeigen, was die gute Architektur in den Städten machen könnte und weshalb das eine positive Sache für die Leute ist.
Ihre Arbeit ist sehr komplex. Sie sind drei Partner und haben das Büro 1996 gegründet. Ich kann mir vorstellen, dass Ihre Organisation sich seitdem verändert hat. Wie sind Sie jetzt organisiert? Haben Sie getrennte Rollen?
Am Anfang waren wir zwei Architektenteams mit zwei verschiedenen Büros und einem separaten Leben. Zu einem bestimmten Zeitpunkt haben wir beschlossen, zusammenzuarbeiten nur um die Qualität der Arbeit zu verbessern, nicht so sehr, um ein Büro zu gründen. Wir dachten, dass wenn wir die Möglichkeit hätten, unsere Meinungen auszutauschen und über unsere Ideen zur Architektur zu diskutieren, sich unsere Arbeit verbessert hätte. Es ist also eine Art permanenter Workshop und wir haben diesen Prozess beibehalten: Wir sind immer noch zwei Büros, eines im Norden von Paris und eines im Zentrum. Wir arbeiten bei einigen Projekten zusammen, ausgehend von der Idee einer neuen Form der Zusammenarbeit: Jedes Büro entwirft einen Teil des Gebäudes und wir fügen diese dann zusammen. Das ermöglicht es uns, neue Arten des Architekturmachens zu teilen. Wir möchten nichts zusammen machen. Eigentlich behalten wir die beiden getrennten und separaten Teile bei. Ich denke, dass dies der Geist der Stadt ist, wo es unterschiedliche Gebäude gibt, einige sind gut, andere nicht so sehr aber das Resultat ist die Qualität der gesamten Stadt. Und das gefällt uns, ein neuer Ansatz, eine andere Strategie, Projekte gemeinsam zu machen. Der Zweck ist nämlich nicht der, alle Ideen zusammenzutragen wie in einem großen Kochtopf, sondern die Identitäten getrennt zu halten und nebeneinander zu stellen. Das entspricht sehr viel mehr der Wirklichkeit der Gesellschaft, wo wir zusammen leben, aber jeder seine eigene Identität hat. Wir wollen diesen Ansatz beibehalten, denn wir möchten mit vielen Personen arbeiten und uns verschiedenen Ideen nähern.
Sie arbeiten im Verlagswesen, in der Architektur, im Design und auch in der Kommunikation. Ich weiß, dass Sie verschiedene Gebäude realisiert haben, die mit der Kommunikation verbunden sind, wie das Musikzentrum von Nancy, Museen, Cafés, Bars, Clubs. Was denken Sie über die Beziehung zwischen den Medien, der Architektur und der Kommunikation?
Das sind jetzt besondere Zeiten, früher war das anders. Aber ich denke, dass einige Projekte immer mehr nur ein Akt der Kommunikation werden. Vielleicht ist das nicht wirklich eine Neuheit. Als Ludwig XIV beschloss, Versailles bauen zu lassen, dann war das vielleicht schon ein Akt der Kommunikation. Trotzdem konnte nur die Macht über die Architektur kommunizieren. Heute haben sich die Dinge geändert; die Macht unserer Tage kommuniziert nicht mehr über die Gebäude, sondern über die Handlungen, wie in den Medien. Auf einem anderen Niveau interessieren sich die Stadtverwaltungen für Architektur, denn sie denken, dies sei eine Art und Weise, die Stadt umzugestalten und das Interesse der Politiker für die Stadt zu zeigen. Sie bauen keine Paläste und Kirchen, sondern machen Wohnungsbauprojekte, zumindest in Frankreich ist das zur Zeit so: Die Realisierung von Wohnvierteln als "eco-quartier". Das sind Projekte, die grosses Interesse bezogen auf die nachhaltige Architektur zeigen, neue Strategien der Lebensweise. Im Rahmen dieses Ansatzes haben die Architekten die Gelegenheit interessante Projekte zu machen, mit einer Identität, die manchmal zum Markenzeichen wird. Eine kleine Stadt kann Projekte realisieren und man sagt, dass es eine starke Stadt ist, in der Lage, Architektur zu machen. Persönlich bin ich nicht am Bauwerk als Selbstzweck interessiert, sondern vielmehr an der Beziehung zwischen Bauwerk und Stadt. Auf die gleiche Weise, wenn man ein interessantes Bauwerk in einer interessanten Stadt baut, dann funktioniert das nicht. Das, was man machen muss, ist es, eine Verbindung zwischen den Architekturen herzustellen. In der Tat besteht die Arbeit eines Architekten in der Realisierung besonderer Gebäude, in einigen Fällen sehr interessante architektonische Erfahrungen, aber in vollem Respekt des Umfeldes und der Stadt. In Frankreich gibt es diese Art der Haltung. Das ermöglicht es mir, zum Thema der Kommunikation zurückzukommen. In Paris haben wir eine Art Zusammenschluss von ca. fünfzehn Architekturbüros geschaffen, French Touch. French Touch hat beschlossen, ein Jahrbuch der Architektur herauszugeben, das “Annuel Optimiste d’Architecture” heißt, um zu erzählen, was jährlich in unserem Land geschieht. Die erste Nummer wurde 2007 veröffentlicht und derzeit bereiten wir die diesjährige Ausgabe vor. Es handelt davon, wie die neue Architektur interessant ist auch im Respekt einer Beziehung mit dem Umfeld. Diese Haltung ist seht französisch, denn in Frankreich haben wir verschiedenartige Kontexte. Wenn wir die Architektur in der Schweiz betrachten, dann sehen wir, dass es keine große landschaftliche Auswahl gibt, wir haben da immer einen Berg vor uns, es gibt keinen Meeresblick, also im Grunde ist der Kontext immer der gleiche.Diese Besonderheit der Kontextualität der Architektur ist etwas sehr Interessantes, um eine ehrgeizige Architektur zu machen und auch, um eine Verbindung mit dem kreativen Prozess zu bilden und es ist wichtig, dieses mitzuteilen. Es geht sich nicht nur um die Konstruktion, sondern auch um die eigene Strategie und das Interesse, das die französischen Architekten für die Beziehung zwischen Umfeld und Kreation haben.
Es scheint mit, dass dieses Konzept in einem Ihrer bekanntesten Gebäude, Atrium, der Universitätsanlage in Paris Jussieu, besonders gut zu sehen ist. Es ist ein seht strukturiertes Projekt, das die Beziehung zwischen Architektur und Umwelt sehr gut ausdrückt. Könnten Sie uns sagen, wie es Ihnen gelungen ist, an der Umwelt und am Umfeld der Stadt zu arbeiten?
Jussieu ist eine sehr interessante Arbeit, denn es ist ein erstaunlicher Ort, der zu einem Zeitpunkt bebaut wurde, als die Architektur triumphierte. Man könnte ein ganzes Viertel auf ein Mal bauen und in 5 Jahren das Raster ausfüllen. Im Fall von Jussieu, war der Architekt, der das gebaut hat, von der industriellen Realisierung der Architektur und gleichzeitig der japanischen Zen-Philosophie fasziniert. Das Konzept der damaligen Zeit war es, die Poesie in der industriellen Fertigung zu suchen und dabei gelöchterte Metalle, Aluminium, Abschirmungen usw. zu benutzen. Die stadtplanerischen Auflagen waren sehr wichtig für sie. An dem Wettbewerb haben sehr interessante Architekten teilgenommen, wie Ibos & Vitard, Lacaton & Vassal, Jacob Macfarlane, jeder mit einem anderen Ansatz. Ich glaube, dass nur zwei von fünf Gruppen beschlossen hatten, nicht den Regeln des Rasters zu folgen. Die Projekte sahen nur eine Ecke vor, so als wollten sie das Raster ausfüllen und dabei die gleichen Proportionen in einer Art Fortsetzung des ursprünglichen Gebäudes beibehalten. Wir haben in jedem Fall beschlossen, uns von diesem Ansatz zu entfernen und ihn zu entwickeln. Wir haben die Höhe des Bauwerks beibehalten, die Öffnung zwischen der Decke und dem ersten Stock. Unser Entwurf ist einer Art Mutation. Im Hof hat man den Eindruck, dass er dem alten Gebäude ähnelt, aber wenn man vor ihm steht, könnte es auch ein anderer Ort sein. Wir haben versucht, eine Art der Fortsetzung zu schaffen, aber mehr als ein Hybrid der beiden Architekturmodelle. Wir haben dann versucht, ein Projekt zu realisieren, das auf dem menschlichen Austausch basiert. Wir haben kein Bauwerk entworfen, sondern eine Arbeitsweise, eine Weise, sich zu treffen. Trotzdem passiert das nicht in allen Universitäten, denn das sind so eine Art architektonischer Maschinen, mit einem Aufzug und engen Treppen und die Leute treffen sich nicht. Um Grunde genommen kommt man an und bleibt in seinem Zimmer. Wir haben auch versucht, in das Gebäude alle die Beziehungen einzubauen, die man auch in einer traditionellen Stadt findet. Wenn man sich in der Mitte von Jussieu befindet, dann kann der Ort entfernt an eine Kashbah erinnern. Wir lieben diesen Geist, der darin besteht eine kleine Stadt im Inneren der Architektur zu kreieren. Das ist die Komplexität unserer Arbeit.
Eines der Elemente mit Wahrzeichenfunktion dieses komplexen Gebäudes ist die Fassade: Können Sie uns erzählen, was Sie inspiriert hat und welche Materialien Sie benutzt haben?
Um den Inhalt eines Gebäudes zu definieren, um ihm in dem Moment, in dem es fertig gestellt werden soll, eine Persönlichkeit und eine besondere Rolle in der Stadt zu verleihen, bin ich der Ansicht, das es wichtig ist, eine Beziehung mit der Fassade herzustellen, die eine Mischung sein sollte. Etwas, was uns nicht gefällt, ist es, eine Fassade zu haben, die immer gleich ist, die sich nicht ändern kann, sondern den ganzen Tag gleich bleibt. Sie sollte sich mit den Witterungsbedingungen ändern, um einen wolkigen Himmel oder einen klaren Tag zu spiegeln. Wir wollten eine Art Projekt schaffen, das zeigen sollte, was im Projekt selbst drin ist. Wenn man sich darauf beschränkt, einen Block mit kleinen Fenstern zu schaffen, dann versteht man nicht, ob er dazu dient, Büros, Wohnungen oder industrielle Tätigkeiten zu beherbergen. Das geht nicht gut für die Stadt. Wir bevorzugen, ein wenig zu zeigen, was wir sind. Das gilt sowohl für die Gebäude als auch für die Personen. Es ist wichtig, diese Beziehung zu haben, ein bisschen zu zeigen, wer man ist. Mit dieser Art Aluminiumspitze erzeugen wir Gefühle. Es ist ein ansprechendes Bild. Am Tag, mit dem Sonnenlicht vor dem Gebäude erscheint es traditioneller, geschlossener, solider und vielleicht ein wenig hart. Wir lieben diese veränderlichen Stimmungen in der Architektur. In der Tat ist es eine doppelte Bezugnahme: Als die komplette Anlage gebaut wurde, verwendete man viel gelochten Stahl und auf diese Weise knüpft unser Projekt daran an. In den Fünfziger Jahren verwendeten Architekten und Designer Lochblech. Heute lässt sich das mit dem Laserschnitt und ähnlichen Techniken leichter bewerkstelligen um mit Stahl und Aluminium das zu machen, was man möchte. Wir lieben diesen Aspekt. So sind wir also praktisch in einer Universität mit verschiedenen Hörsälen und Laboren usw. Man kann nicht nur eine Glasplatte haben und auf der Fassade das zeigen, was im Gebäude stattfindet, es ist wichtig, die Privatsphäre zu sichern. Mit dieser Art der Verkleidung kann man manchmal sehen, was Innen geschieht und manchmal nicht.
Auf der Grundlage dessen, was Sie soeben gesagt haben, welche Rolle spielen die Werkstoffe bei Ihrer Architektur?
Ich bin mir nicht sicher, dass die Materialien eine vorrangige Rolle für uns spielen. Wir sind nicht wirklich an den Werkstoffen interessiert. Ich denke, dass die Materialien immer eine Frage der Gelegenheit sind. Ich mag sehr die Basismaterialien. Ich arbeite gerne mit Zement, mit Aluminium. Mich interessiert mehr die Qualität und die Dauer der Werkstoffe. Es ist wie wenn ein Ingenieur versucht, eine immer längere Brücke mit weniger Material zu bauen. Für mich, in der Architektur, haben die Materialien diese Rolle. Es geht darum, einen Effekt zu erzeugen, eine Stimmung, eine Funktion und dazu möglichst wenig Sachen zu benutzen. In diesem Fall beispielsweise war das Aluminium hart und nicht so teuer; es bot einen schönen Effekt mit dem Licht und so haben wir Aluminium gewählt. In anderen Fällen können wir beispielsweise mit Keramik oder glasierter Keramik arbeiten, denn das bietet eine andere Gelegenheit, einen anderen Effekt. Uns interessieren nicht die Materialien, wir wählen nie ein Material, bevor wir an die Fassade denken und beschließen, wie wir diese machen. Wir gehen von dem Effekt aus, den wir erzielen wollen und dann versuchen wir, die beste Lösung zu finden, um das gewünschte Resultat zu erzielen.