Ich werde mit eine sehr allgemeinen Frage zu Ihren Arbeiten beginnen, die von sehr luxuriösen Projekten bis zur Wohnungsnot von New Orleans geht. Ich frage mich, ob Sie nicht der Ansicht sind, dass es einen Widerspruch zwischen dieser Sache und der Art und Weise gibt, auf die Sie so unterschiedliche Arbeiten leiten, die wahrscheinlich auch ganz andere Budgets haben.
Lars Krückeberg: Ich sehe darin keinen Widerspruch sondern vielmehr einen Reichtum. Im Grunde genommen ist es das, was wir machen, wir sind neugierig und wollen uns nicht spezialisieren, weder bezogen auf die Programme noch im Hinblick auf den Stil oder den Ansatz an ein Projekt, denn jedes Projekt ist anders. Es ist schon etwas anderes, ob ich in einem Kontext wie dem von New Orleans arbeite oder für eine Luxusvilla eines Kunden, den du kennst und mit dem die ein Programm und neue Erfindungen ausarbeiten kannst. Ich sehe also keinen Widerspruch, sondern vielmehr eine Bereicherung und Nachdenken. Es gibt unterschiedliche Budget, aber als Architekten müssen wir in der Lage sein, uns durchzuwurschteln, ansonsten besteht die Gefahr, dass man die wichtigen Sachen aus den Augen verliert. Wenn wir also auf der einen Seite nicht versuchen würden, zu differenzieren und sehr unterschiedliche Situationen zu behandeln, würden wir uns langweilen und auf der anderen Seite kann man etwas lernen, wenn man Sozialwohnungen baut. Man kann besser verstehen, wie die Menschen leben und was Architektur bedeutet bezogen auf das Schaffen menschlicher Würde, um dann die Luxusprojekte echter und authentischer zu machen.
Im Hinblick auf reiche Kunden, komme ich nicht umhin, Ihnen eine Frage zu Brad Pitt zu stellen. Ich zitiere aus einem Interview, das ich Online gefunden habe: "Vor Kurzem haben einige Zeitschriften GRAFT als die Architekten von Brad Pitt etikettiert, was wahr ist und ein sehr wirksames Werbemittel darstellt, aber ganz sicher dürfen sie nicht nur deshalb in Erinnerung bleiben, denn er ist ein Kunde unter vielen." Ich möchte also wissen, auf welche Weise es Ihnen gelingt, die verschiedenen Kunden zu managen und ich bin vielleicht noch neugieriger zu erfahren, wie Kunden dieser Art auf Ihre Karriere, auf die anderen Kunden und die Arbeiten Einfluss nehmen...
Lars Krückeberg: Als Erstes muss ich sagen, dass es fantastisch war. Wir haben uns vor langer Zeit getroffen und seit damals ist das Arbeiten mit ihm immer ein interessantes Abenteuer gewesen. Es ist nicht so sehr für ihn zu arbeiten als vielmehr mit ihm. Er liebt die Baukunst, er versteht etwas davon. Wir nennen das eine "Jam session", bei der alle die Basis spielen und jeder an einen gewissen Punkt sein Solo einlegt. Man wirft sich die Melodien zu, als wäre ein Ball, man wechselt von der Basis zum Solo in einer kontinuierlichen Suche nach der Inspiration. Natürlich war das ein optimales Werbemittel, es hat viel Aufmerksamkeit erregt und das ist immer positiv. Wir müssen dafür sehr dankbar sein, auch wenn es die Medien dazu geführt hat, uns zu etikettieren – das versuchen sie ja immer, aber wir sind viel mehr als das. Wir haben sehr viele Sachen in unserem Leben gemacht, die nichts mit ihm zu tun haben und deshalb werden Sie verstehen, dass es ein wenig frustrierend ist, auf dieses beschränkt zu werden, ein Name für einige, aber nicht für alle und am Ende muss die Arbeit alleine sprechen und das tut sie auch. Wir verstehen, dass die Medien diesen Namen benutzen, denn er funktioniert bezogen auf die Kommunikation, das ist ein Name, der hervorsticht und gewährleistet im Internet häufigeres Anklicken. Ein Magnet, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Damit müssen wir leben und dafür sind wir dankbar.
Ich denke, dass Sie mit ihm auch das Projekt von New Orleans begonnen haben: Das, welches Sie auf dem Beyond Media Festival vorstellen werde. Ich frage mich, ob die in New Orleans ausgeführte Arbeit mehr im architektonischen Maßstab gehalten ist oder ob sie sich mehr an der Stadt und der urbanen Situation orientiert. Könnten Sie uns bitte erklären, ob das Projekt New Orleans mehr an der Stadt ausgerichtet ist oder am Wohnen und was Sie hier genau vorstellen.
Lars Krückeberg: Allem voran ist zu sagen, dass es sich um eine richtige Frage handelt, nach dem, was bis jetzt gesagt wurde, denn es war eine Idee von Brad. Brad konnte diese Situation nicht mehr aushalten und sagte, dass es nicht sein kann, dass die Regierung so mangelhaft ist und dass niemand etwas macht. Er wollte etwas tun und hat uns gefragt, ob wir ihm helfen und mitmachen konnten. Wir haben natürlich Ja gesagt, dass es außerordentlich interessant war. "Wir machen das jetzt richtig", wie er gesagt hat und deshalb haben wir den Namen "Make it Right" erfunden. Die Sachen werden also gerade gebogen und wir haben das Lower Ninth Ward fast als symbolischen Akt realisiert, denn das Lower Ninth war eine unglaublich reiche Kultur von Leuten, die ihre Häuser seit Generationen besaßen, aber sie waren auch arm und der Damm ist gebrochen. Viele sind ums Leben gekommen und die Überlebenden wurden mit einer neuen Katastrophe konfrontiert, die aus den folgenden Phasen bestand. Die Tage und Wochen nach Katrina, als niemand half und niemand kam und das Jahr danach, als immer noch niemand etwas tat oder half und niemand da war – das Lower Ninth Ward war noch eine Wüstenei. Als er sagte "Lars, könntest du mir helfen?" da habe ich “Natürlich” gesagt, das ist etwas, wo man den Unterschied machen kann. Am Ende war das, was wir gemacht haben, die Schaffung eines Teams von Leuten und wir sind diejenigen, die die Architekturseite vertreten. Wir waren uns bewusst, dass um die Sachen geradezubiegen, wir das wirklich gut machen mussten, weshalb das Ziel sehr ehrgeizig war. Wir wollten die Menschen hierher zurückbringen und die Gemeinschaft neu schaffen, aber wir wollten das auf wirklich bessere Weise tun; d.h. dass die Gemeinschaft sicher und blühend sein musste. Wir haben Will McDonough gerufen, der der Nachhaltigkeits-Guru in Amerika ist und wollten seinen Grundsatz des "Cradle to Cradle", von der Wiege zur Wiege, anwenden. Er hat sich uns angeschlossen und hat Cherokee gerufen, einen Vertragsunternehmer, der weltweit an kontaminierten Orten arbeitet und diese säubert. Das war genau das, was beim Lower Ninth Ward notwendig war und das hat sehr viel Kompetenz und Gliederung nach sich gezogen. Das sind also die vier Personen, die Zentraleinheiten von "Make it Right" und wieder ein Mal war das Grundsatzprinzip der Schaffung der Gemeinschaft die Realisierung gesunder und sicherer Wohnungen "Cradle to Cradle" – nachhaltige Bauten, d.h. die nicht nur gesund, sondern auch intelligent sind, den Energieverbrauch verringern und Energie erzeugen. Wir haben die Technologie, weshalb sie nicht hier benutzen? Sie sichtbar machen, das geht. Das große Problem ist, dass es Sozialwohnungen sein müssen. Die Leute müssen in der Lage sein, wieder die Besitzer der Gebäude zu werden, sie müssen sie bezahlen können und wo sie es nicht schaffen, egal welche Summe fehlt, wird "Make it Right" ihnen helfen. Am Ende war das unser Feld und unsere Kompetenz: Das Design. Das Design wird immer unterschätzt und vergessen. Ich meine, dass wir versucht haben, etwas wirklich Schwieriges zu machen, preisgünstig, aber gesund und mit einem herausragenden Design. Würde bedeutet nicht nur die ersten beiden Bedingungen, sondern auch die Dritte. Wenn man etwas macht, das gesund und preisgünstig ist, aber kein Design hat, dann gibt es keine Würde im Projekt und die Menschen können sich nicht mit dem Ort identifizieren in dem sie leben und deswegen wird es fehlschlagen.
Es handelt sich also vorwiegend um ein politisches Programm. Ein politisches, soziales und vielleicht urbanes Programm, damit man zur Gestaltung einer einzelnen Wohneinheit gelangt. Ist ein konzeptionelles Ziel geblieben? Haben Sie auch die einzelne Wohnung geplant oder ist das programmatisch geblieben...
Lars Krückeberg: Das waren die Ziele, die wir uns gesetzt haben und wir haben uns angestrengt, um diese zu erreichen. Niemand, so weit ich weiß, hat das gemacht – preisgünstig, nachhaltig und mit herausragendem Design. Ich kenne keine Gemeinschaft, die dieses Thema behandelt hat. Vom architektonischen Gesichtspunkt bedeutet dieses, dass man innerhalb der Gemeinschaft diversifizieren musste und das ist nicht so, als ob Brad und GRAFT ihre neuen Häuser entworfen hätten. Natürlich wollten wir ein Haus entwerfen und das haben wir gemacht, aber wir wollten, dass es ein offener Prozess war. Gemeinschaften brauchen Diversität, deshalb haben wir vorgeschlagen, dass 'Make it Right' eine Art Wettbewerb ausgelobt hat. Also die Leute fragen, denn alles ist natürlich „pro-bono“, zum Wohle der Öffentlichkeit, alles ist privat, privates Geld, private Investitionen, private Zeit, private Gehirne, deshalb haben wir die Leute, die Architekten eingeladen uns zu helfen. Lokal, landesweit und international, denn es war en lokales Problem, es war eine landesweite Kette und Katrina ist eine internationale Frage. So haben wir 13 Architekten gerufen, die sich uns angeschlossen haben. Sie haben Projekte geliefert, die jetzt vor Ort durch 'Make it Right' und von daher von den Leuten in der Entwurfsgestaltung sind. Das ist das Schöne an der Sache, der Wettbewerb hat keine berühmte Jury, das Preisgericht sind die Menschen, es ist eine Volksabstimmung. Sie entscheiden welches Projekt sie möchten. Das ist auch der Grund, weshalb man darauf achten muss, für wen man plant. Mit der Kultur zu experimentieren ist eine Sache, das heißt mit den Menschen arbeiten. Viele haben uns gesagt „Ihr seid verrückt, das ist zu modern, das ist zu glatt, diese fantasievollen Projekte der Architekten“. Das ist so überraschend, jedes Projekt, jeder einzelne Entwurf der ersten Phase ist gewählt worden, d.h. dass die Menschen immer unterbewertet werden und dass sie stolz auf die von ihnen gewählten Projekte sind. Wenn Sie jemanden fragen, der in einem dieser Häuser lebt, wird er gewiss sagen „Mein Haus ist das beste“ und genau das meine ich, hier zählt das Projekt. Nachhaltig, wenn es jemanden interessiert, wenn er sich damit identifiziert und Würde in der Architektur ist und so wird es ein Erfolg sein.
Aber möchten Sie nicht auch, sagen wir mal, die Kategorie der Architektur schützen, Sie glauben an die disziplinübergreifende Arbeit. Ich meine, gibt es da nicht die Gefahr, den Beruf zu delegitimieren?
Lars Krückeberg: Was ist ein Architekt heute? Wo sind wir? Ich rede nicht von dem, was wir sein wollen, was wir waren oder wohin wir gehen können, ich rede von dem, was die Bauindustrie den Architekten heutzutage möglich macht. Unsere Rolle hat sich drastisch geändert und ist im Grunde genommen sehr beschränkt. Architektonisch betrachtet, als Techniker, haben wir keine Federführung mehr. Praktisch sind es die Bürokraten, die uns sagen, was wir machen können und was wir nicht machen können und das erschwert die Dinge ungemein. Ich denke, dass man sich nicht von den Kategorien und den Grenzen erschrecken lassen sollte. Ich denke, dass es absolut interessant ist, wenn man die Grenzen überschreitet, ohne sich dessen bewusst zu werden. Wissen Sie, wir haben unser Büro GRAFT genannt, weil das eine Denkweise ist, um die Sachen miteinander zu verschmelzen, Gegensätze miteinander zu verbinden. Wir müssen disziplinübergreifend arbeiten. Wir nennen uns nicht mit unseren Namen: Jetzt bin ich hier, aber es könnte auch Thomas, Wolfram, Alli oder Gregor sein, unsere Partner, es ist nicht wichtig, dass ich hier sitze, dass es einen Unterzeichner gibt, das sind alles einschränkende Elemente. Das löst nicht das, was wir machen müssen: Das Problem für den Kunden lösen, das ist Architektur. Wenn man Hilfe von den anderen haben und von ihnen lernen kann, dann ist das super! Wir arbeiten immer im Team, das gefällt uns. Ich werde gerne von meinen Partnern Leuten aus anderen Disziplinen inspiriert und denke, dass es die einzige Weise ist, um sich wirklich zu entwickeln und die kleine Sache zu finden, die wir nicht alleine machen können, es sei denn, man ist ein Supergenie und das bin ich nicht.
Verwenden Sie einen besonderen Materialtyp? Ich denke da vor allen an die Umgebung von New Orleans, gibt es da besondere Fragestellungen zu den verwendeten Baustoffen?
Lars Krückeberg: Es gibt viele Arten von Antworten auf diese Frage. Das erste Prinzip ist es, mit dem zu antworten, was Bill sagen würden, der der Partner des Deutschen Michael Braungart ist - 'Cradle to Cradle', es gibt Baustoffe, die sind absolut „verboten“, wir dürfen sie nicht mehr benutzen, sie sind giftig und können nicht recycelt werden, auch nicht in minderwertigen Materialien. Jeder Architekt, jeder Designer, jeder, der Produkte kreiert, muss sich von diesen Materialien fern halten. Wir haben gelernt, wie die Sachen gemacht sind und wie sie neu gemacht werden können, um auf diese Weise wieder in den Zyklus eingespeist werden zu können. Im Wesentlichen besagt das Prinzip 'Cradle to Cradle', dass die Materialien oder Produkte wie die Nahrungsmittel sind. Wir müssen die Stofflichkeit und die Materialien als Elemente betrachten, die in der Lage sind, in die “Wiege” zurückzukehren, um den Anfang zu etwas Neuem zu bilden. Wir verschwenden Materialien wie die Verrückten. In jedem unserer Produkte bildet nur 5% des benutzten Materials das Produkt als solches, 95% sind Abfall, der auf dem Weg verloren geht. Wir müssen diesen Ansatz neu überdenken. Als Architekten haben wir eine große Verantwortung bei diesen Sachen, ein strenger Hüter hinter mir, ich sehe das als meine Verantwortlichkeit, die mir in das Ohr flüstert, das ist das, was wir machen müssen und wir sind uns dessen vor einigen Jahren bewusst geworden. Das ist also die einfache Antwort. Die andere Antwort ist natürlich, dass wir neugierig sein müssen bezogen auf die Art und Weise in der wir die Materialien kombinieren können, sodass sie die besseren Leistungen erbringen. In New Orleans verwenden wir Technologien, die es vor Ort gibt, beispielsweise für den Rahmenbau, aber wir versuchen, diese neu zu erfinden. Einen neuen Abstand in dem Rahmen von 6 auf 24 Zoll zu finden, bedeutet einen leistungsstarken Rahmen mit weniger Material. Wenn wir also die richtigen Materialien wählen und versuchen, eine Vorgehensweise zu finden, damit sie intelligentere Leistungen aufweisen, werden die Materialien als solche verringert und auch die damit verbundene Arbeit. Und plötzlich hat man ein Produkt, das vielleicht sogar bessere Leistungen hat und nur die Hälfte kostet. Außerdem liebt dich die Versicherung und am Ende hast du ein Haus, das sich alle leisten können. Ich kann also nicht antworten, dass man dieses oder jenes Material benutzen soll, sondern man muss nur an die “verbotenen” Materialien denken und diejenigen, die wir auf intelligentere Weise handhaben können.
Das war’s. Vielen Dank.
Lars Krückeberg: Dankeschön, es war mir ein Vergnügen.