AUTO UND UMWELT: NEUEN DESIGNLÖSUNGEN FORM VERLEIHEN
Herr Bangle, könnten Sie mir Ihre Definition von “die Form schaffen” auf dem Gebiet des Design nennen.
Chris Bangle: (lacht) Form schaffen auf dem Gebiet des Design ist genau das, was uns Spaß macht, die Form kreieren. Ich denke, dass Designer und vor allem Autodesigner es toll finden, Formen zu schaffen. Vielleicht stellen wir uns nicht genug Fragen, wenn wir es machen, wir neigen eher dazu, etwas zu tun, deshalb ist “die Form schaffen” eine wichtige Komponente in der Arbeit eines Designers, die man nicht dem Diktat der Funktion überlassen kann. Denn (die Form) folgt der Funktion. Form schaffen bedeutet, ein optisches Bild des Produktcharakters zu geben, seiner Geschichte und dabei beginnen, eine Seele zu schaffen: Vielleicht ist das eine gute Weise, um das Schaffen der Form zu beschreiben.
Welche Beziehung gibt es bei Ihren Projekten zwischen dem Innenraum eines Autos und dem Innenraum als Architektur. Ist das immer der gleiche Ansatz oder gibt es da Unterschiede?
Chris Bangle: Ich denke, dass der Ansatz an die Projekte immer anders ist, zumindest beim Autosektor ist das so gewesen, als ich bei BMW war, weil es zu einer Denkweise gehört, bei der die richtige Behandlung der Dinge nicht ist, sie gleich zu behandeln, sondern ihre Unterschiede zu verstehen und jede Situation auf unterschiedliche Weise anzugehen. Wenn man also zwei Innenräume gestalten muss, dann muss man die beiden verschiedenen Kontexte verstehen, in denen sie sich befinden, deshalb bieten unterschiedliche Marken andere Kontexte und andere Produktverwendungen bieten andere Umfelder und Geisteshaltungen, egal ob es sich um ein Auto oder etwas anderes handelt.
Können Sie mir über die Wahl der Werkstoffe berichten, die Sie bei Ihren Projekten benutzt haben?
Chris Bangle: Wir haben immer versucht, die Werkstoffe der Situation anzupassen, auch wenn es vielleicht nicht die vorgesehenen waren. Zu was dient eine Autoverkleidung wirklich, beispielsweise? Dient sie der Sicherheit oder ist sie nur da aus ästhetischen Gründen? Und in diesem Fall könnte es auch ein Stück Stoff sein? Der Stoff für Autos, Gina, beispielsweise, hat circa nur ein Zehntel der Umweltauswirkungen des lackierten Stahls… ein Zehntel! Sicher, das wird nicht alle Probleme lösen und es gibt noch viel zu tun, aber es ist immerhin ein Hinweis, es ist der richtige Weg. Nur durch Beseitigung des Lacks. Die Lackierstraße ist diejenige, die am meisten Energie in einer Automobilfabrik verbraucht. Wie schafft man, dass die Leute Autos gut finden, ohne sie lackieren zu müssen?
Auf welche Weise haben Sie die Werkstoffe bei Ihrer aktuellen Kreation angewandt und auf welche Weise benutzen Sie diese, um einer Umgebung, wie einem Ausstellungsraum oder einem Stand für Autos Identität zu verleihen?
Chris Bangle: Während meiner Zeit bei BMW habe ich mich viel mit Ausstellungsräumen und Ständen für Autos befasst. Dieser Aspekt wurde immer von einem anderen Unternehmenssektor verwaltet, aber die Werkstoffe als solche sind sehr wichtig. Die Philosophie von Gina, dem Concept Car, den wir mit einer flexiblen Verkleidung geschaffen haben, hat uns die tatsächliche Philosophie des Design klar gemacht, bei der es die Werkstoffe selbst sind, die eine Form schaffen, wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben. Es war sehr wichtig für uns zu verstehen, dass die Definition der Form nicht von der Tatsache gegeben wird, das etwas unter der Verkleidung sagt “ich bin rund und deshalb muss auch die Verkleidung rund sein”. Die Definition der Form kann total anders sein, wenn die Werkstoffe, die jene Form erzeugen, anders sind. Also wenn wir bei der Autohülle von einem steifen Metall zu einem Stoff übergegangen sind, haben wir plötzlich andere Formtypen entdeckt.
Die Philosophie von Gina ist eine außerordentliche Weise, neues Design zu machen. Auf welchen Gebieten kann dies Ihrer Meinung nach angewandt werden?
Chris Bangle: Ich denke, dass sie überall angewandt werden kann. Ich hatte die Ehre, an einem Projekt in Harvard teilzunehmen Harvard, der Harvard Graduate School mit Frank Barkow von Barkow Leibinger. Beim Kurs von Frank über Graduate Architecture… in diesem Kurs haben wir Gina als Philosophie für die Architektur der Randgebiete eingefügt. Also möglichst weit von einem Auto entfernt und trotzdem, das, was wir von den Studenten über ihre Idee der Flexibilität, über die Werkstoffe in ihrem Leben und die Rolle der Personen bei diesem allen erfahren haben, war mir von großer Hilfe um zu verstehen, wie weitläufig die Geschichte ist, die von Gina umspannt werden kann. Also vom Winzigen, vom Kleinen, von den kleinen Produkten zu großen Gebäuden, die Architektur – ich sehe da keine Grenzen, es ist mehr eine Philosophie.
DIE ZUKUNFT ANHAND DES DESIGN GESTALTEN
Eine schwierige Frage. Denken Sie, dass Bangle eine Art Design-Markenzeichen werden kann?
Chris Bangle: (lachend) Das weiß ich nicht. Es würde mir gefallen denken zu können, zu einer großen Kreativität beitragen und ein Teil derselben sein zu können und einigen Marken dabei zu helfen, interessante Innovationen zu erzielen. Aber persönlich eine Design-Marke zu werden, daran habe ich noch nie gedacht.
Können Sie uns etwas über Ihre zukünftigen Designprojekte erzählen?
Chris Bangle: Wir haben in Italien eine Firma gegründet, die Chris Bangle Associates srl heißt, nicht Chris Bangle Design. Chris Bangle Associates denn ich meine, dass es mehr über meine Ideen bezogen auf eine auf das Schaffen ausgerichtete Beziehung aussagt, im Gegensatz zur Diktatur des “das sage ich und deshalb ist das so”. Eine Beziehung, die auch die Kunden einbezieht, aber die Vereinigung, Chris Bangle Associates, gibt es jetzt im Piemont. Wir bauen dort unser Haus. In einigen Wochen werde ich mit meiner Frau von Deutschland umziehen. Wir haben unser Leben in München hinter uns gelassen und werden bald hier leben und hier habe ich mein Büro.
Beim Autodesign ist die Rolle eines fortgeschrittenen Projekts sehr sehr wichtig. Erzählen Sie mir von diesem visionären Ansatz beim Design. Welches sind für Sie die zukünftigen Realisationen des Design?
Chris Bangle: Ich finde, dass die Arbeit im fortgeschrittenen Design ein sehr wichtiger Ansatz ist, um zu versuchen, den folgenden Schritt zu schaffen. Es ist immer nützlich zu sehen, wie sehr man sich mit dem Gedanken „aus dem Fenster lehnen kann“ und dann den umgekehrten Weg einschlagen, um zu versuchen, diesen zu realisieren. Dies ist vielleicht eine Pflicht der Designer: Versuchen und dazu beitragen, eine bessere Welt zu entwerfen, anstatt Produkte zu gestalten, für egal welche Welt sich uns auftut. Ich denke, dass es also wichtig ist zu denken, wie wir die Welt verbessern können. Das ist auch eine anstrengende Herausforderung. Die Autos sind ein Sektor, auf dem es zahlreiche Herausforderungen gibt und deshalb muss man viel über das fortgeschrittene Design nachdenken, um die Leute an die Idee zu gewöhnen. Oft vergessen wir, dass wir eine verbraucherorientierte Gesellschaft sind und dass – so ausgezeichnet die Idee eines Designers auch sein mag – wenn man nicht die Verbraucher anregt, diese das Auto nicht kaufen werden. Wir müssen deshalb die fortschrittlichen Ideen vor die Leute bringen, also es so einrichten, dass sie sich an die Idee gewöhnen, dass es eine andere Art und Weise gibt, die Dinge zu machen. Welches sind also die Herausforderungen, die uns erwarten? Da gibt es jede Menge: Vom Bevölkerungswachstum zur Nachhaltigkeit, vom Forschungs- zum Energiemanagement. So wie im Kurs, dem Workshop, den ich hier in Mailand halte. Personal Emotional Mobility, bzw. persönliche emotionale Mobilität: Auch das ist eine Herausforderung.
Wie applizieren Sie die Entwurfssprachen, die Sie beim Automobildesign benutzt haben, auf andere Umfelder?
Chris Bangle: Manchmal kann man diese direkt anwenden, andere Male nicht. Man muss da vorsichtig sein. Es gibt einen wichtigen Faktor: Den Maßstab. Eine Kurve oder Form, die perfekt zu sein schein, wenn sie einen Meter lang ist, beginnt seltsam auszusehen, wenn man sie auf 10 cm reduziert. Ich meine deshalb nicht, dass eine automatische Übertragung der Form in jedem beliebigen Kontext möglich ist. Aber man kann viel über die Idee der Form lernen. Welche Formen werden mit der Maschine hergestellt? Welche Formen werden vom Menschen realisiert? Welche Formen sind das Ergebnis der Werkstoffe? Und welche Formen werden realisiert, weil ich sage, dass sie so sein müssen? Das ist eine hervorragende Studie.
FUTURE PERSONAL EMOTIONAL MOBILITY
Future Personal Emotional Mobility ist der Titel dieses neuesten Workshop. Können Sie uns die Bedeutung des Ausdrucks “emotional“ in diesem Kontext erläutern? Wann wird Design emotional?
Chris Bangle: Ich meine, dass Design dann emotional ist, wenn es eine Bedeutung hat, die Gefühle auslöst. Es kann eine Bedeutung haben: Design ist Bedeutung. Aber eine Bedeutung kann auch eine Konvention sein. Genau, das bedeutet es. Danke. Sie können das Kästchen abhaken, man muss nicht unbedingt daran denken. Aber wenn es Gefühle in dir auslöst, dann denkst du anders, du reagierst. Es kommen deine echten Gefühle hervor, denn das Design hat etwas in dir ausgelöst. Es handelt sich also um einen Typ des emotionalen Design. Und ich denke, dass wir als Designer die Verantwortung haben, zu sehen, wie viele Gefühle und wie effizient wir diese erzeugen können. Und zwar so, dass die Menschen es schätzen können und nicht davon aufgezehrt, angeekelt, entfremdet werden. Das ist eine interessante Herausforderung.
Könnten Sie mir etwas über die Wichtigkeit der Design-Teams sagen? Wie treffen Sie Entscheidungen?
Chris Bangle: Ein Design-Team ist extrem wichtig, denn ein kreativer Geist mit einem andern ergibt häufig 5 und zwei plus zwei wird leicht zu zwanzig, wenn sie richtig geführt werden. Ein einziger Geist macht nur schwer mehr als eins. Ich finde deshalb, dass die Gruppenarbeit grundlegend ist, um die kreative Kraft maximal auszunutzen, diese ständige Arbeit. Aber es bedarf da einer gewissen Kompetenzsteuerung. Ich hatte das große Glück, lange mit außerordentlichen Menschen und außerordentlichen Managern zu arbeiten. Ich habe für fantastische Chefs gearbeitet, die mir wirklich geholfen haben, den Wert zu verstehen, der vorliegt, wenn man das Maximum aus einer Gruppe holt.
Dieses Jahr sind Sie mit einigen neuen Workshops an Universitäten wie Harvard beschäftigt und jetzt auch die Technische Hochschule für Design? Professor Bangle, was müssen die Studenten machen, um Designer zu werden?
Chris Bangle: (lacht) Sehen Sie, ich bin kein Professor, aber ich würde von den Studenten verlangen, auf der einen Seite kritischer zu sein und nicht alles zu akzeptieren, was sie zu wissen glauben und auf der anderen Seite, mutig zu sein, kühn, bereit, auf andere Weise zu denken und anders darzustellen. Ich wundere mich oft, wie schüchtern und konservativ die Jungen sind, wenn ich eigentlich erwarte, dass sie die Kühnen und Starken sind. ich meine, dass sie über ein enormes Gedankenreichtum und Kreativität verfügen, das sie uns anbieten können. Wir müssen uns nur vergewissern, dass wir die Gelegenheit haben.
Wie stellen Sie sich die Zukunft des Autos vor, insbesondere was die elektrischen Autos betrifft?
Chris Bangle: Es wird interessant sein, die Zukunft des Autos zu verfolgen, so ganz anders als die Zukunft des Automobils. Automobile benutzt man, um von A nach B zu kommen. Die Autos sind Ausdruck von uns selbst, sie sind das, was wir sind. Brauchen wir sie in der Zukunft? Werden wir in der Lage sein, mit ihnen eine Beziehung einzugehen? Das ist keine so einfache Frage. Es ist nicht so selbstverständlich, dass die Personen der Zukunft, die jungen Leute von heute, wenn sie ihre persönliche Mobilität kaufen und benutzen können, noch so autovernarrt sein werden, wie die vorhergehenden Generationen. Sie werden die Mobilität nutzen, sie werden Automobile benutzen. Aber macht ihnen das Auto noch etwas aus? Ich glaube, dass es die Aufgabe der Auto-Designer ist, diesen zumindest ein emotionales Gefühl der persönlichen Mobilität zu verleihen.
Welche Art von Architektur bevorzugen Sie?
Chris Bangle: Ich bewundere die Architekten und ihre Arbeit und habe großen Respekt vor ihnen. Es macht mir Spaß zu sehen, wohin die Architektur geht, denn normalerweise fühle ich, wohin sie sich entwickelt. Das Automobildesign folgt und auch alle anderen. Deshalb ist es wichtig eine Idee zu haben, wohin sie geht, was die Architekten denken und was ihre Ziele sind. Ich kann deswegen nur sagen, dass ich auf diesem Gebiet ein Schüler bin und dass ich viel gelernt habe und noch viel zu lernen habe, aber es gefällt mir sehr, mit Leuten wie Frank Barkow von Barkow Leibinger zu arbeiten. Er hat mir gezeigt, wie kreativ ein Architekt in jeder beliebigen Situation sein kann.